Vortrag in der Schwimmbadkasse. Foto: ROLF FECHNER

Bekommt Travemünde eine „Speakers Corner“?

London hat sie schon seit Jahrhunderten: Eine „Ecke der Redner“, die berühmte „Speakers Corner“ im Hyde Park. Hier darf jeder leidenschaftlich seine Position unter das Volk bringen, solange es nicht um das Königshaus geht. Ein Vorbild, wie gemacht für Travemünde?

Kunstvereins-Chef Uwe Hildebrandt, hier am Samstag bei der Installation des Werkes "Drei", ist der Idee einer  Travemünder Rede-Ecke nicht abgeneigt und hätte sicherlich auch einiges beizutragen ... Foto: HELGE NORMANN
Kunstvereins-Chef Uwe Hildebrandt, hier am Samstag bei der Installation des Werkes „Drei“, ist der Idee einer Travemünder Rede-Ecke nicht abgeneigt und hätte sicherlich auch einiges beizutragen … Foto: HELGE NORMANN

Das Thema kam erstmals bei einer Pressekonferenz auf, die sich elend in die Länge zog, weil einem Travemünder Wutblogger wieder mal die Lunte brannte. Warum die schönen Tiraden nicht einem Publikum zugänglich machen, das so etwas zu schätzen weiß? An einem idyllischen Plätzchen im Grünen, vielleicht mit einer Apfelsinenkiste als Podest, die Kosten dürften überschaubar sein.

Nach Londoner Vorbild könnten sogar Politiker auf den Tritt steigen und ihre Programme selbst vortragen, statt jedem vorbeieilenden Passanten Flyer und Kugelschreiber in die Hand zu drücken.

Das würde sich für alle lohnen: Das Publikum hat etwas zu gucken und die Redner bringen ihre Thesen unters Volk. In Zeiten sozialer Medien und allgegenwärtiger Handy-Kameras sicher mit mehr Publikum als am Stehtischchen vor dem Wochenmarkt. Auf der Videoplattform youtube gibt es reichlich Mitschnitte vom Speakers Corner, die tausendfach abgerufen werden. Am interessantesten wird es dabei, wenn das Publikum mit Zwischenrufen den Redner ordentlich anstachelt. Denn anders als in der Lübecker Bürgerschaft klingelt bei frechen Einwürfen keine Stadtpräsidentin mit dem Glöckchen.

Es gibt sogar ein Travemünder Vorbild für die Idee: In der Schwimmbadkasse des maroden Spaßbades Aqua-Top traten bis zu seinem Abriss Künstler auf, die sich humoristisch mit der Travemünder Bade-Ruine auseinandersetzten. Die staatlichen Bäderbetriebe fühlten sich davon so gestört, dass sie zunächst die Türe zum ehemaligen Kassenhäuschen zuschraubten und dann, als das nichts half, versuchten, das Treiben per Anwaltsschreiben zu unterbinden. Alles erfolglos, ein Sieg für die Redefreiheit. Ein Bauteil der Original-Schwimmbadkasse soll sogar noch irgendwo von Fans bewahrt werden.

Als nun am Samstag die neuen Freiluft-Kunstwerke für die Travemünder „WindArt“ aufgebaut werden, zeigte sich auch Kunstvereins-Chef Uwe Hildebrandt offen für die Idee. Künstler Rolf Stahr, der mit seinem Werk „Drei“ sich unterhaltende Gesichter in der Vorderreihe installierte, wäre sogar bereit, sein Werk in „Speakers Corner“ umzubenennen.

Der „Verein für Kunst und Kultur zu Travemünde e.V.“ wäre für so ein Projekt der richtige Schirmherr, denn die freie Rede ist durchaus eine Kunst und die Debatte ein Kulturgut. Worum konkret es in den Vorträgen am Ende geht, ist dann fast schon Nebensache. Solange alle mit Herzblut dabei sind. So kann man in einer bekannten Videodokumentation aus London sogar ein besonders schönes Streitgespräch um die allen Ernstes vorgetragene These verfolgen, dass die Erde wohl doch eine Scheibe ist …